Beiträge der virtuellen Wandzeitung

 

Andreas Pargger: Witterung

  Im Sommer nicht weniger als ein Riese. Die spröde Fassade trotzt der Zeit. Wände brechen jäh nach unten weg, eine geschwungene Baumkette bildet den Abschluss zum Tal. Föhren beschatten die klammen Nischen, Ocker von Latschen wälzt sich durch den gestochen scharfen Hang. Dazwischen lassen sich weichere Flächen Laubbaumgruppen ausmachen. Im Vogelfreien leuchtet es hellgrün von einer Wiese, eine Wolke verdichtet sich im Nachmittag.
  Im Abendlicht gehen die Steingärten übergangslos in Firmament ein. Diesiges vom Sommer zieht sich für den Augenblick zurück, räumt dem kristallkugeligen Herbst den Platz. In der allmählichen Oktoberdämmerung wähnt man sich so auf dem Grund eines Sees. In ruhigen Momenten tauchen transparente Purpurflächen im Zerklüfteten auf. Lavendelfarbig heben sich Punkte im Monument ab, erstrecken sich – Flechten – übers widerspenstige Gestein.
  Weihnachten tritt der Kofel dann schwarz und weiß aus dem Taggrau. Baum und Strauch ordnen sich wie von Geisterhand auf dem Glasierten an, sie dämmern – Kohlestriche – vor sich hin. Sie sind ganz Schatten ihrer selbst. In aufklarenden Nächten schimmern Sterne überm Schneefeld. Die sonst grobkörnige Riese drängt sich marmorn dem Blick auf, verblasen nimmt sich der Kamm gegen die Nacht aus. Der Augenblick besticht durch seine skizzenhafte Härte.
  Von einem auf den anderen Tag bekommt das Ebenmäßigglatte Risse. Weiß zerfällt in unzählige Grade Grau. Die Sonne steht steil über der Rinne, ihr Aufgerautes wird vom plastischen Schmelzwasser noch kurzfristig getilgt. Moosgrün tritt nach vorn, eine Tanne wird im Triefen greifbar. Hineingestanzt tauchen Krähenfüße am Himmel auf, schillern die ersten Laubbaumfleckchen in der Früh. Ein neuer Tag beginnt so blaugelb überm unbewegten Haupt.

Mathias Klammer: Leblose Erinnerungen

Leblose Erinnerungen

Wenn sie die Farbe in die Hand nahm, mit dem getränkten Pinsel über die Leinwand fuhr, war sie glücklich. Oft erzählte sie mir von Begegnungen, skurril, einmalig. Von kurzen Liebeleien, mit Männern, groß, kantig, die sie nie mehr wieder gesehen hatte, in ihrem langen Leben. Sie lachte verschämt, wenn sie mit ihren Geschichten begann, die schon lange vorbei, trotzdem noch nah waren, in ihren Worten, Sätzen.

Ich merkte ihr an, dass ihr Körper schmerzte, jede einzelne Bewegung weh tat, doch sie ließ sich nicht davon brechen, machte weiter, sprach, erzählte, lebte.

Gebhard Valtiner: schlösser

schlösser

schlösser mag ich gar nicht gerne
schlösser schließen aus die ferne
knechten mir den stein zu formen
als wärs dem drinnen raumgeboren

schlösser sind der tür gelenken
draußendrinnen billigts denken
schätze hüten vor dem dieb
aber sonst sind schlösser lieb

Peter Stan: Einmal Friedhof und zurück

Die Katherina, (77 Jahre), ist im Terminus der Validation das, was man eine „Mangelhafte“ nennt. Soll heißen, sie hat eine leichte Demenz und ist sich dieser Tatsache noch bewusst. Daher überspielt sie gewisse Erinnerungslücken meisterhaft und beharrt stur auf ihrem Standpunkt. Das führt manchmal zu Situationen, die von uns viel Geduld erfordern, um ihre Gefühle nicht zu verletzen und das Spiel mitzumachen.

H.G.Kastner: Nachthimmel

Hefte deine Träume und Sehnsüchte
an die schwarze Tafel des Nachthimmels,
zu den Botschaften und Zeichen in Sternenschrift,
den Chiffren der Unendlichkeit.
In der Wiedergeburt der Gedanken
liegt die Chance ihrer Erfüllung,
denn die aufsteigenden Strahlen der Sonne
löschen die Tafel - nicht ohne Hoffnung -
allmorgendlich aus.

H.G.Kastner

Josef Pedarnig: Schattenspringen

Vom Orbit aus gesehen, der sich imaginär durch das All zieht, den schwarzen Kontinent im Sucher, wie er sich so gar nicht vorstellungsgemäß schwarz darbietet,  von dort aus also und bei rechtem Vergrößerungslicht besehen ist Der Weiße Mann auf dem den afrikanischen Kontinent mitten durchschneidenden imaginären Kreis, der auf den Namen Äquator gekommen ist, genau um Mittag 12 Uhr und keine Sekunde später ein ‚Was’?

Bernhard Aichner: Tödling

Wenn das Herz wirklich etwas mit Liebe zu tun hat, wenn es wirklich mehr ist als eine Pumpe, wenn es nicht nur ein rotes Stück Fleisch ist, dann ist es mir kaputt gegangen, auseinandergeplatzt, dann hat es aufgehört da zu sein, ich spüre es nicht mehr, ich habe es nie gespürt, aber ich atme. Da, wo es einmal war, ist es jetzt kalt. Da ist nichts. Es ist weg. Nicht mehr da. Ich habe kein Herz mehr.

Heli Gander: reise zum achten kontinent

tag 1

aufbruch

nachdem die letzten medizinischen tests erfolgreich abgeschlossen sind, verlassen wir die quarantäne und treffen uns ein letztes mal im expeditionsbüro um den abschluss-check und die vorläufige reiseroute festzulegen.
elmar meint noch, ich könne die vier rollen verzinkten stacheldraht ruhig aus der ladung ausmustern, dafür aber mehr glasperlen, fingerhüte, gummibärchen und knopflochseide dazupacken, weil wir am achten kontinent sicher keine befestigten lager errichten müssten, wenn wir biwakieren.

Eckehard Bichler: Jänner

Das Weihnachtslicht ist lang vergangen
und dunkel liegt dein neues Jahr,
doch schau,
die Sonn´ steht höher schon am Himmel
und länger wird der Tag.

Und sieh,
von weißen Dächern taut tropfend schon der Schnee
und Frühjahrsdüfte liegen in der Luft,
nun hab Geduld,
schon bald wird hell dein neues Jahr

Eckehard Bichler

Eckehard Bichler: Adventsehnsucht

Still liegt das Feld, von schwerem Schnee kalt bedeckt,
Frost überall und Kälte im Herzen, das alt geworden über die Jahre,
die Bäume strecken die kahlen Äste zum Himmel
zur kraftlosen Sonne, die bald schon vergeht;
Nacht ist geworden und Schwärze legt sich über das Land,
bis ein kleiner Stern ganz leise und blass mir den Weg in die Heimat zeigt,
und weit wird das Herz und gnädige Wärme umgibt es.

Eckehard Bichler

Uwe Ladstädter: Bum-bum

Endlich ist die Kapelle vorbeimarschiert.
Man wartet ja nicht gerne, doch hier weiß man es schon im vorhinein, dass sie kommen werden, wie sie immer kommen, wie es auf dem Plakat des Tourismusverbandes aufgelistet zu finden ist:

Eckehard Bichler: Augustrückblick

Grauer August, dieses Jahr, sonst sonnetrunkener Monat,
mit Herbstgedanken schon, weil es ist ein Regen und es ist ein kalter Wind,
bin mit dem Rad zum Fluss gefahren,
an dem sonst sorglose Sommerlaune ist,
heute mit traurigen Gedanken aber, weil ein Regen ist und kalter Wind stört meine Fahrt,
Tropfen kommen mir ins Gesicht, nicht vom Regen, aus dem Herzen kommen Tränen,
mit düsteren Gedanken an den Herbst,
als ich beim Fluss ankomme,
denke ich, wenn meine Tränen sich mit den Wellen des Flusses vermischten,
es wäre ein schönes Sommerende,
wenn mich doch der Fluss gnädig verspülte.

Eckehard Bichler

Eckehard Bichler: Der Schutzengel

Das kleine Mädchen will heute ein Haus für die Zwerge bauen. Es will das Haus am Teich bauen; die Zwerge haben dem Mädchen oft gesagt, dass sie es gerne dort beim Teich hätten.

Josef Pedarnig: Ein Osttiroler Rundumreisebericht

Es ist nun einmal so berichtet die Reise.

Jede Route ist ihr Recht; ob sie aus diesem kleinen Landflecken hinaus, ob sie hinein –
in dieses iselunddraudurchflossene kleine Abseits , von dem die Südtiroler sagen, es gehöre gottseidank nicht zu ihnen, die Nordtiroler wissen, daß es leider doch zu ihnen..., die Kärntner verlauten lassen, daß es eigentlich... und die Salzburger meinen, es sei immer schon ihr Saumweg nach Italien gewesen.

Uwe Ladstädter: Prominenten-Eierpecken

Das ist schon recht mühsam. Man wird aufgerufen, in eine grüne Stadtmarkt-Schürze gewickelt und auf eine Holzbank gedrängt. Ein Mikrofon ist auch da und eine blonde Frau, die eine Stunde lang zu den Kandidaten und zu den Farben der in einer Schüssel wartenden Eier etwas sagen soll.

Elisabeth Ziegler: Weihnachtsgedicht

Wo will ich hin
wenn ich auf
Weihnachten zugehe

Zurück
in meine Kindheit,
vorwärts
in ein anderes Leben

was ist mein Ziel
wen möchte ich erreichen
mit meinen Gefühlen
und Geschenken

die ich verstecke
im Herzen und im Haus

Elisabeth Ziegler

J.P.: Am Bach

Am Bach

Reiner Übermut
drängt Woge und Schwall
im Wirbel verkräuselt
in Gischt sich berauschend
von Stein zu Stein das Ufer hinab.

Uwe Ladstädter: Zug um Zug

Nachdem das Handy zu tanzen aufgehört hat, schnappe ich mir den Koffer und den dunklen Anzug in der so praktischen Reisehülle. Wie vereinbart wartet sie im Golf vor der nahen Klosterkirche. Danke, dass du gekommen bist und ab die Post.

Sie zählt nicht zu den langsamen Lenkerinnen, nein wirklich nicht, aber sie fährt gut, das heißt, nicht Bremse-Gas, Gas-Bremse wie andere und ho ruck in die Kurve, nein wirklich nicht und ich werde ganz sicher keine Bemerkung darüber entkommen lassen, dass wir den Zug in Bozen leicht erreichen. Jeder stirbt einmal und besser gleich in einem Golf als langsam auf einer Pflegestation. Aber es ist Samstag früher Nachmittag und alle anderen haben keinen anderen Wunsch, als auch diese Straße benützen zu wollen.