Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Uwe Ladstädter: Bum-bum

Endlich ist die Kapelle vorbeimarschiert.
Man wartet ja nicht gerne, doch hier weiß man es schon im vorhinein, dass sie kommen werden, wie sie immer kommen, wie es auf dem Plakat des Tourismusverbandes aufgelistet zu finden ist:

Sonntag Schützenmusik Lienz, Mittwoch Musikkapelle Gaimberg – Sonntag Musikkapelle Assling – die Schützen sind am Sonntag an den wartenden Gästen vorbei und unten am Platz wieder hinaus marschiert, weil wegen der Entent Floral kein Podium zu finden war –

bevor sich die Schürzen der Marketenderinnen und der drohend erhobene Stock des Kapellmeisters aus dem Hintergrund lösen, bellen die Trommeln voraus, schlagen sie den Takt und den Abstand zu den Gaffenden frei, die Schlegel hoch, da soll sich noch einer trauen,
aber auch die ersten Reihen hinter den frisch gewaschenen Traditions- und Schnapsträgerinnen, die Flügelhörner, stoßen altehrwürdige k.u.k. Militärtöne vor sich her und schaffen sich auch damit Raum und Ansehen –

die Klarinetten und Flöten, all das Holz, könnte den fröhlichen, versöhnlichen Teil des Marschblockes darstellen, zumal viele junge Gesichter und darunter eine gehörige Anzahl von Mädchen, die hier nicht spinnen und nicht weben, auch nicht das Handy drücken, sondern Girlanden um das Thema fingern, hell und lustig, aber doch wieder viele, eine nicht zu unterschätzende Zahl und nicht zu übersehen oder gar zu überhören in der Geschlossenheit des Klangkörpers, ja, eines mächtigen Körpers, dessen Gleichschritt und Gleichklang den nötigen Respekt vermittelt,
den Umstehenden und Hinwartenden,
den angeblich unbeteiligt in ihrem 3 Euro 50 Eis herumstochernden Caféhaushockern mit ihren auch jetzt noch tratschenden Mit- und Dabeisitzenden, die, warum weiß ich nicht, heute hier die freien Tische belegen,

besonders aber den Eistütentragenden, den Imwegstehenden, den ewig schleckenden, tropfenden und klebenden Platzverstellern,
überall, auf den Gehsteigen, in den Lauben, unter den Linden, auf den Stufen vor dem Hl. Florian, am Straßenrand,
der zur Zeit jeden Anspruch verloren hat, weil die Trennlinie zwischen fließendem und ruhendem Verkehr in einer Fußgängerzone so überhaupt nichts mehr wert ist.

Jetzt, wo die Musikkapelle vorbeimarschiert ist, wäre zu prüfen, ob nicht der eine oder die andere schon längst mit dem Gedanken gespielt hat,

den schützenden, machtvollen Block zu verlassen, auszuscheren, mit wirbelnden Trommelschlägen oder ausgefahrener Posaune einfach in die Hans-von-Graben-Gasse abzubiegen und sich nördlich und vor allem abseits solistisch aber nicht solidarisch zu bewähren, auf eigenen Füßen sozusagen, zumindest aber mit eigenen Tönen durchzuringen, sich selbst und alles mögliche daneben zu verwirklichen, also Entschlossenheit und Mut zu beweisen, sogar den Gemeinde-Subventions-Euro für die Musikschule zu riskieren, der neuen Freiheit wegen,

auch wenn allein nur schwach vertreten, den entgegenkommenden Radfahrern schutzlos ausgeliefert, Freiwild spottender Kellnerlehrlinge, faul herumsitzender Pensionisten und Campari schlürfender Schreiberlinge,
des leitenden Stabes verlustig, kein Ende findend,
kein Bum, Bum – Bum, Bum der großen Trommel als zielverheißenden Abschluss, nein,
weisungslos weiterziehend, allen Strömungen und Umschichtungen ausgesetzt, von der STVO vom Fahrbahnbenutzungsberechtigtem zum hastigen Zebrastreifenspringer degradiert,
worunter natürlich die Flüssigkeit des Dargebotenen leiden muss,
könnte es doch der eine, wenn schon nicht die andere, noch schaffen,
durch das Geiger-Gangl und über den Hauptplatz diffundierend ,
den hoffentlich noch offenen Platz in der Musikkapelle zu erreichen, bevor es ruchbar, oder sogar hörbar geworden war,

und nun,
aufatmend eingegliedert dem Augenblick entgegenhoffen,
wo das in den Takt eingefügte Bum, Bum – Bum, Bum den gemeinsamen Marsch begrenzt,
vom Schritt in den Stand, den Marsch zu Ende bringend, bevor der Platz zu Ende
und unter dem Applaus klebriger Hände die Bühne zu ersteigen, den Notenständer, den Klappsessel zurechtrückend, vielleicht auch als Marscherleichterung die Jacke über die Sessellehne und den Hut auf den Boden,
den Blick von oben hinunter
wo sich die Marketenderinnen schon aufgestellt haben, zwei links, zwei rechts, zur gefälligen Einsichtnahme und baldigen Schnapsentnahme nach dem ersten Konzertstück,
das sich nicht mehr länger zurückhalten lässt, mit Scharren und Räuspern und Umblättern und –
jetzt hebt der Kapellmeister den Stock -

©Uwe Ladstädter August 2006